"News" oder Fundstücke und Gedanken
Hier unter der Schaltfläche "News" sind Fundstücke, die mir des Teilens wert erschienen, und Gedanken, die ich nicht verschweigen wollte, ohne dass sie deshalb notwendig zu Ende gedacht sein müssen, versammelt. Was hier geäußert wird, ist vorläufig und erhebt keinen Absolutheitsanspruch. Wer in einen Diskurs darüber treten möchte, ist herzlich eingeladen, mir zu schreiben.
PDF-Vorlage für den Abiturpreis
Wollen Sie dieses Jahr den Abiturpreis für den sprachlich originellsten Aufsatz vergeben? Dann können Sie das gerne tun! Drucken Sie einfach die Datei als Urkunde aus.
Auf der Urkunde ist vermerkt, dass der Preis mit einem Buchgeschenk verbunden ist, dass wir Lehrkräfte den Lernenden geben. Hierzu zwei Anregungen:
Sasa Stanisic: Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird. Eine Ermutigung (Luchterhand-Verlag, 22€)
Tina Hartmann: Vergesst Kant! Was war und ist Aufklärung wirklich? (Reclam-Verlag, 7€)
Deutschunterricht als Zeichenlehre
30.6.2025
Diese fachdidaktischen Überlegungen habe ich am 27.10.2015 aufgeschrieben. Sie sind noch vorläufig, schließen aber an bestehende Ansätze an wie z. B. in Schilcher & Pissarek (2020): "Auf dem Weg zur literarischen Kompetenz. Ein Modell literarischen Lernens auf semiotischer Grundlage", Köller (1983) "Funktionaler Grammatikunterricht" oder Gans (2021) "Literaturdidaktische Orientierungen". Es handelt sich beim folgenden Text um den Versuch, einen Zugriff zu finden, der alle Bereiche des Deutschunterrichts vereint.
Der dem Bildungsplan 2016 zugrundeliegende erweiterte Textbegriff legt es nahe, sich über die Frage, was unter Lesekompetenz zu verstehen ist, neu zu überdenken. Schon früheren Bildungsplänen lag die Prämisse zugrunde, dass alle intentionalen menschlichen Äußerungen Texte sind. Darunter fallen nicht nur literarische und pragmatische Texte, sondern auch Filme, Werbung, Verkehrszeichen, Gesten, Theateraufführungen etc. Mit dem neuen Bildungsplan emanzipieren sich diese anderen Texte. Dominant bleiben zwar schriftliche Texte in deutscher Sprache, Film, Videospiel, Werbung, Grafiken, Theaterinszenierungen und andere Texte, auch solche, die nicht ausschließlich sprachlicher Natur sind, bekommen jedoch nun ein eigenes Gewicht.
Wenn nun der Deutschunterricht für Texte, die nicht mehr ausschließlich sprachlich verfasst sind, geöffnet wird, dann bedeutet das, dass die Frage danach, wie mit Hilfe von Zeichen (Texte sind immer eine Menge von Zeichen) Sinn hergestellt wird, neben die Frage, wie das Verstehen von sprachlich verfassten Texten geschieht rückt. Neben die üblichen Lesekompetenzmodelle mit ihrem Fokus auf den „Ebenen“ des (schrift-) sprachlichen Textes, Buchstabe, Silbe, Wort, Wortgruppe, Satz, Text, tritt ein allgemeines, semiotisches Modell des Zeichenverstehens.
Ein solches Modell könnte, in Anlehnung an Peirces Semiotik folgende Elemente beinhalten:
1. ein Zeichen,
2. ein Bezeichnetes und
3. ein Drittes, das die Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem herstellt.
Bedeutsam für den Deutschunterricht sind hier m. E. mehrere Dinge:
1. Die eingehende Beschäftigung damit, was genau das zu untersuchende Zeichen ist, lohnt sich sehr, denn dadurch würde sich nicht nur die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler im Allgemeinen verbessern, sondern auch die Lesekompetenz im Besonderen, und hier ganz besonders die Fähigkeit zur Interpretation anspruchsvoller Texte. Als Beispiel sei hier nur darauf verwiesen, dass das Verständnis verdichteter Sprache – und nicht nur in literarischen Texten – häufig daran scheitert, dass beispielsweise ein Satz wie „Meine Stimme war der Orkan, welcher die Satelliten des Despotismus unter Wogen von Bajonetten begrub.“ aus Büchners „Dantons Tod“ (Szene III.4) nur an der Oberfläche und damit nicht verstanden werden. Eine semiotische Herangehensweise könnte hier Abhilfe schaffen. Der ganze Satz ist ein Zeichen innerhalb einer Situation und muss als solches gedeutet werden (häufig wird hier der Begriff „Mentales Modell“ verwendet). Die Metonymien „Meine Stimme“ und „Bajonetten“ können selbst als Zeichen gedeutet werden, ebenso wie die Metaphern „Orkan“, „Satelliten“, „Wogen“ und „begraben“, und damit als funktionale Elemente des größeren Zeichens dem Satz und mit dem Satz der Rede Dantons Sinn geben. Eine Interpretation, welche die Funktion der sprachlichen Gestaltung dieses Satzes berücksichtigt, kann auch auf andere Art und Weise erreicht werden, jedoch ist die Frage danach, was ein Zeichen ist, was und wodurch es bedeutet, ein Werkzeug, das sich in allen medialen Kontexten anwenden lässt. Es kann eine äußerst fruchtbare Heuristik für Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zu einer umfassenden Textkompetenz sein.
2. Die Frage danach, was genau bezeichnet wird, ist m. E. in doppelter Hinsicht wertvoll. Erstens wird schnell deutlich, dass Zeichen mehr oder weniger konventionalisiert sein können und dass auch diese Konventionen historisch und kulturell kontingent sind. Das öffnet individuellen Interpretationen Spielräume und stärkt somit die Schülerinnen und Schüler; damit wird die Notwendigkeit, sich mit dem (auch sprachlichen) Hintergrund eines Textes zu beschäftigen, offensichtlich. Zweitens ist die Beschäftigung mit der prinzipiellen Deutungsoffenheit aller Zeichen besonders heute für die persönliche Entwicklung unserer Schülerinnen und Schüler wertvoll angesichts einerseits immer aggressiver auftretender, vor allem auch religiöser, Autoritäten, die eine Deutungshoheit von Zeichen für sich beanspruchen, und andererseits eines zunehmenden Relativismus, der nicht mehr zwischen interpretierbaren Zeichen, überprüfbaren Fakten und zu rechtfertigenden Normen unterscheidet.
3. Wem schließlich die Frage nach dem Dritten, der Deutungsregel, dem tertium comparationis, oder wie man es auch immer nennen möchte, in Fleisch und Blut übergegangen ist, der wird nicht nur weniger Probleme bei der Interpretation der aus dem Bildbereich der NaturGEWALTen stammenden Metaphern in Dantons Satz haben, sondern auch sorgfältiger formulieren und Texte in seinem Alltag kritischer lesen können.
Beim Aufbau und Erwerb dieser, wenn man es so nennen kann, semiotischen Kompetenz, spielen szenische Verfahren, Theaterarbeit, die Theater-AG und das Fach Literatur und Theater eine herausragende Rolle. Schon für junge Schülerinnen und Schüler ist es intuitiv erfahrbar, dass und wie einzelne Zeichen in einer Szene zu interpretieren sind. Sie sind es gewohnt, Gesten, Mimik, Tonfall, Position im Raum und andere Zeichen zu interpretieren. Allerdings geschieht diese Interpretation häufig nicht reflektiert, sondern wie der Gebrauch der Erst- oder Zweitsprache intuitiv. Nicht selten scheitert Kommunikation genau in diesem Punkt, wenn mehr oder weniger bewusst gesendete Zeichen andere überlagern oder „falsch“ interpretiert, d. h. missverstanden werden. Folgende Konsequenzen ergeben sich daraus:
• Die Arbeit mit Spielszenen, Film und Theater, aber auch weniger aufwändige szenische Verfahren wie Standbilder oder Storyboards bieten die Möglichkeit, früh das Zeichen als Analysekategorie einzuführen, unterschiedliche Zeichensysteme kennen zu lernen und damit die Basis für semiotische Kompetenz zu legen. Es sollte so früh wie möglich und immer wieder szenisch gearbeitet werden, und zwar so früh wie möglich, m. E. schon in der fünften Klasse, konsequent semiotisch mit den Fragen: 1.) Was ist hier ein Zeichen? 2.) Was bedeutet es für mich? Was bedeutet es für dich? Was bedeutete es für die zeitgenössischen „Leser“? 3.) Welche Beziehung besteht zwischen Zeichen und Bezeichnetem? Wobei die Fragen 2.) und 3.) unter Umständen auch sinnvoller in umgekehrter Reihenfolge bearbeitet werden können.
• Die Angebote der Theaterpädagoginnen und Theaterpädagogen an den in der Nähe liegenden Theatern sollten unbedingt in Anspruch genommen werden, da sie in ihrer Arbeit explizit an der Dekodierung theatraler Zeichensysteme arbeiten. In der Regel geschieht das auf eine Art und Weise, wie sie der Deutschunterricht nicht liefern kann. Als Beispiel sei hier die Frage nach dem Status einer Figur auf der Bühne genannt und, durch welche Zeichen dieser Status dargestellt werden kann. Ähnliches gilt für die Experten an den Stadt-, Kreis- und Landesmedienzentren, die man für die Arbeit mit Filmen oder anderen Texten einladen kann. Nicht zuletzt bietet sich natürlich auch eine Kooperation mit den Fächern Kunst und Musik an, die durch ihrer jeweils eigenen Zeichensysteme die Arbeit im Deutschunterricht wertvoll ergänzen können. Als Beispiel kann hier das Thema Werbung genannt werden.
• Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer sollten sich insbesondere im Bereich der Theaterpädagogik fortbilden. Theater als Zeichensystem ist umfassender und selbstreflexiver als beispielsweise der Film. Vor allem ist es in der unterrichtlichen Umsetzung praktischer, denn eine Szene lässt sich immer einfach spielen, einen Film zu drehen oder ein Hörspiel zu produzieren bedeutet einen großen Aufwand. Nicht zuletzt bietet eine enge Verzahnung mit dem Fach Literatur und Theater viele Chancen. Schüler, die im Fach Literatur und Theater eine semiotische Ausbildung erfahren haben, können diese Kompetenzen ohne Probleme auf den Deutschunterricht übertragen, wenn er einen semiotischen Zugang eröffnet und mit vergleichbaren Begrifflichkeiten arbeitet.
Ein Deutschunterricht, der sich in diesem Sinne auch als Unterweisung in Semiotik versteht, kann nicht nur dem erweiterten Textbegriff des neuen Bildungsplans gerecht werden. Er bietet den Schülerinnen und Schülern ein in allen Zeichenkontexten anwendbares und leicht zu handhabendes Instrumentarium für die Interpretation von Texten und er bietet den Lehrerinnen und Lehrern vielfältige Chancen zum Einsatz motivierender, spielerischer, bewegungsfördernder Elemente. Letzten Endes wird durch den solchermaßen geschärften Blick nicht nur Medienkompetenz, sondern auch Sozialkompetenz gestärkt.
18.5.2025
Ankündigung
In einem Seminar an der Uni Stuttgart werden wir Erklärvideos zu den für die fünfte Klasse relevanten Grammatikphänomenen machen. Die Videos werden, wenn alles gut geht, auf dieser Seite verlinkt.
18.5.2025
proudly presenting: Vorstellungen von Grammatikunterricht
Ich freue mich, meine Doktorarbeit präsentieren zu können. Es geht darum, was Schüler:innen über Grammatik und Grammatikunterricht denken. Grundlage ist ein Vorschlag für ein Kompetenzmodell zum expliziten Grammatikunterricht. Vor diesem Hintergrund wurden Gruppeninterviews mit Fünftklässler:innen und Unterrichtsvideos analysiert. Das Ergebnis sind zwei "Vorstellungswelten" von Grammatik und Grammatikunterricht, die man bei der Analyse von Unterricht einsetzen kann, und drei Tipps für einen besseren Grammatikunterricht.
https://phbl-opus.phlb.de/frontdoor/deliver/index/docId/1402/file/Kraemer_Vorstellungen_Grammatikunterricht.pdf
4.5.2024
Nen Sprachverfall ist manchmal gar keiner.
Zum Thema Sprachwandel und Sprachverfall gefällt Anatol Stefanovics Beitrag über das Artikelwort "nen", das offensichtlich gar kein Internetphänomen, sondern schon rund 120 Jahre im Gebrauch ist.
19.11.2023
Lob der Unvollkommenheit – Vermeiden Sie „schlechte Literatur“ oder „schlechte Theateraufführungen“ nicht. Ärgern Sie sich gemeinsam mit Ihren Schüler:innen!
Die Zeit im Deutschunterricht ist zu schade, um sich mit Werken auseinanderzusetzen, die nicht gut genug sind. Man denke nur an die Diskussion um Peter Stamms „Agnes“ als Pflichtlektüre oder an Gespräche über „schlechte Theaterinszenierungen“. Im zweiten Fall lassen sich viele Argumentationsformen unterscheiden. Der Gattungsübergang vom Roman ins Theater sei grundsätzlich inakzeptabel. Oder er sei gescheitert, eventuell weil sich der betreffende Text ohnehin nicht für die Inszenierung eigne, so gehört über Kafkas „Verschollenen/Amerika“. Die Inszenierung sei nicht hinreichend texttreu und bringe die Schüler:innen durcheinander. Sie sei zu texttreu, weil sie am Ende nur illustriere und dann einer Verfilmung unterlegen sei. Und so weiter und so weiter.
Treten wir einen Schritt zurück und betrachten die Ziele des Deutschunterrichts.
Eines dieser Ziele ist die sprachliche Bildung, d. h. nicht nur der einfache Spracherwerb, sondern auch ein Bewusstsein dafür, was man alles mit Sprachen kann. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass man auch alles tun darf, wenn man weiß, was man tut, und das auch irgendwie verbalisieren kann. Literarische Werke oder Theaterinszenierungen „von minderer Qualität“ stehen dem nicht im Wege.
Ein weiteres Ziel ist die literaturwissenschaftliche Propädeutik. Die schert sich nicht um ihren Gegenstand.
Schließlich soll auch die ästhetische Urteilskraft geschult werden. Dies geht sicher besonders gut in der Beschäftigung mit dem Herausragenden, mit Kleist und Kafka … oder doch mit Schiller und Goethe oder … Hier wird es schon schwierig. Mit welchem Recht wird behauptet, Juli Zehs Metaphorik sei schräg, weil sie nicht aufgehe, und die Parabeln Kafkas seien unnachahmlich, weil sie offen seien? Wie kann man eine texttreue Inszenierung des Hamlet mit einer postdramatischen Bearbeitung vergleichen? Wer entscheidet, welche dramaturgische Entscheidung gut und welche schlecht ist? Diese Fragen lassen sich vielleicht alle entscheiden, aber ästhetische Bildung kann nicht bedeuten, die Urteile von wem auch immer zu reproduzieren.
Ästhetische Bildung bedeutet, auch selbst eine Position beziehen zu dürfen. Und zugleich für diese Position argumentieren zu müssen.
Wie sollen Lernende sonst eine eigene Urteilskraft in Bezug auf sprachliche, stilistische, literarische Qualität entwickeln, wenn sie nicht urteilen dürfen? Und was eignet sich dafür mehr als ein Werk, das nicht eindeutig schon Eingang in den Olymp gefunden hat? Ästhetische Bildung muss doch auch heißen, Erfahrungen sammeln zu dürfen, erhabene wie gewöhnliche, und als Rezipient:in ernst genommen zu werden. Wieso sollte nicht jemand die „Agnes“ dem „Danton“ vorziehen? Wieso sollte das nicht erlaubt sein, auch nachdem alle Argumente auf dem Tisch sind? Vielleicht braucht es sogar gerade die Differenz zwischen dem (scheinbar) Hohen und Niedrigen, um einerseits Kriterien zu entwickeln und andererseits einen eigenen Geschmack auszubilden.
Nun soll nicht einer bewussten Auswahl als mittelmäßig betrachteter Werke oder Inszenierungen das Wort geredet werden. Es gibt keinen Grund, den Gegenstand zu wählen, für den man sich selbst begeistern kann, wenn man die Wahl hat. Es geht vielmehr um Gelassenheit im Umgang mit dem, was man selbst nicht schätzt. Ich bin unzufrieden mit der Wahl einer Pflichtlektüre oder hatte mir etwas anderes von einer Inszenierung erwartet? Kein Grund sich zu grämen! Was gibt es Schöneres, als augenzwinkernd in Reich-Ranicki’scher Manier Kritik zu üben, dasselbe Recht auch allen anderen Menschen, auch denen mit anderer Meinung, zuzugestehen und damit die anderen, Schüler:innen, Kolleg:innen, Autor:innen, Ministerialbeamte oder Theaterschaffende als Menschen ernst zu nehmen, die zwar eine in den eigenen Augen absurde Meinung vertreten, die aber gerade dazu das Recht haben, solange sie nicht einen anderen Menschen als Menschen abwerten.
Vielleicht bedeutet sprachliche Aufklärung auch das:
Für seine Meinung bestimmt eintreten, für sie argumentieren, auch wütend oder voller Euphorie, zu streiten und dabei alle mit anderer Meinung als Menschen anzunehmen. Andere als Menschen annehmen bedeutet dann zugleich, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen ...
… und jetzt nochmal von vorn:
Die Zeit im Deutschunterricht ist ...
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Abiturpreis geplant:
Wir wollen einen Abiturpreis für den sprachlich intelligentesten Abituraufsatz verleihen. Das bedeutet nicht, dass dies automatisch derjenige Aufsatz mit der besten Note ist oder derjenige, der sich am sklavischsten an sprachlichen Normen orientiert. Es soll derjenige Aufsatz sein, der kluge Gedanken mit einem aufgeklärten Sprachgebrauch verbindet.