Alternative für Deutsch
Initiative für sprachliche Aufklärung.
Fundstücke und Gedanken
Gelegentlich denken sich Gedanken oder finden sich Fundstücke, deren Teilung nicht eine Zerstückelung und Weitergabe sondern vielmehr eine Vervielfachung durch Weitergabe meint. In diesem Sinne sollen hier Inhalte geteilt werden. Im Wesentlichen geht es um Fragen, die irgendwie mit Sprache, der deutschen insbesondere, und mit Deutschunterricht zu tun haben.
Lernen Sie uns kennen
Werte
Die Initiative stellt sich in eine Tradition des Liberalismus. Freiheit in diesem Sinne bedeutet, Verantwortung zu tragen für das, was einen selbst betrifft, Verantwortung zu übernehmen für das, wovon andere betroffen sind.
Befreiung bedeutet auch die Befreiung der deutschen Sprache vom sprachpuristischen Ballast, der ihr vom 17. bis ins 21. Jahrhundert aufgebürdet wurde, als sie für die Bildung eines deutschen Nationalgefühls herhalten musste (Göttert 2010: 176-189), als sie zur Lingua Tertii Imperii dressiert werden sollte (Klemperer und Göttert 2010: 314-331) oder in neuerer Zeit, wenn nationalpopulistische Parteien im Verein mit selbsternannten Sprachbewahrer:innen Sprachpolitik nutzen, um ihre völkisch nationalen Ziele pseudowissenschaftlich zu verbrämen (Lobin 2021).
Schön wäre ein rationaler Umgang mit dem Phänomen Sprache.
Die Initiative
Alle Menschen, die sich für einen rationalen Umgang mit dem Phänomen Sprache einsetzen, dürfen sich als Teil der Alternative für Deutsch betrachten.
Die Alternative für Deutsch ist kein Verein und keine Gruppe, auch keine Bewegung oder das, was man als sprachpolitischen Akteur bezeichnen könnte.
Die Alternative für Deutsch verfolgt keine konkreten Ziele außer dem Aufzeigen von Alternativen, ohne die Gewissheit, dass es die besten wären.
Eine Vision gibt es schon, doch die ist kein Programm, sondern eben eine Vision, eine mehr oder weniger vage Vorstellung davon, wie es sein könnte.
Sprache und Geschichte
Die deutsche Sprache entwickelt sich wie alle anderen Sprachen der Welt auch, unabhängig davon, ob sie von einer Behörde mehr oder weniger streng reguliert werden wie in Frankreich, ob das sehr behutsam geschieht, wie in Deutschland, oder ob eine solche Regulierung fehlt, wie das wohl für die meisten Sprachen der Welt gilt. Der Begriff „Entwicklung“ darf in Bezug auf soziale Konstrukte – und Sprache ist ein soziales Konstrukt – nicht essenzialistisch missverstanden werden. Das würde bedeuten, dass Sprache sich wie eine Pflanze aus einem Kern entwickelt, wächst und irgendwann einmal degeneriert und abstirbt. Ein nicht essenzialistisches Verständnis von Entwicklung geht davon aus, dass sich Sprache wie andere soziale Systeme auch im Kontakt mit weiteren sozialen Systemen, d. h. anderen Sprachen, Politik, Recht, Religion, Bildung etc. verändert. Diese Veränderungen können moderiert, kommentiert, bewusst gemacht oder künstlerisch verarbeitet werden. Verhindern kann man sie nicht. Ein rationaler Umgang mit Sprache ist darum ein wissenschaftlicher. Die wissenschaftliche Domäne zur Beschreibung und Analyse sprachlicher Phänomene ist die Linguistik. Sie ist rein deskriptiv und erklärend. Aus einem sprachlichen status quo abzuleiten, dass etwas so oder so sein muss, wäre ein naturalistischer Fehlschluss. Auch die Verwendung essenzialistischer Metaphorik im Gespräch über Sprache ist abzulehnen („Vergewaltigung“, „Entstellung“). Sie ist unwissenschaftlich und vergiftet den Diskurs.
Vision: Sprachliche Aufklärung
Literarische Experimente in Lyrik, Dramatik und Prosa sind etwas wunderbares. Das gilt nicht weniger für bewussten Sprachgebrauch und Sprachspiel in nicht künstlerischer Kommunikation, in Zeitungen, im Radio, in audiovisuellen Medien oder im Internet. Das ist unabhängig davon, ob der Zweck eines Texts Unterhaltung, Information oder Meinungsbildung ist, und das beinhaltet auch die bewusste Abweichung von einem (zur Zeit) geltenden aptum. Ein solches Bekenntnis zur Freiheit beinhaltet notwendig auch, dass die schreibende oder sprechende Person Verantwortung für ihren sprachlichen output trägt, indem sie sich beispielsweise mit geltenden Vorstellungen von Korrektheit und Angemessenheit in der Linguistik auseinandersetzt. Es bedeutet ebenso, dass sie Verantwortung für die Folgen ihres Sprachgebrauchs übernimmt, indem sie beispielsweise auf bewusst in Kauf genommene Verletzung anderer durch den eigenen Sprachgebrauch verzichtet.
Die Vision der Alternative ist ein aufgeklärter Sprachgebrauch, den Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit. Wer noch nicht in der Lage ist, seine Sprache ohne Leitung eines anderen zu gebrauchen, dem muss geholfen werden. Dessen Sprache sollte aber ebenso als Lernersprache wertgeschätzt werden, denn die Sprache gehört zu einer Person wie ihr Name oder ihr Äußeres. Damit hängt die Würde einer Person auch an ihrer Sprache. Der Schutz der sprachlichen Integrität einer Person ist der Schutz ihrer Würde. Daraus abzuleiten, dass Schriftsprache nicht gelernt oder natürlicher Spracherwerb nicht begleitet werden muss, wäre ein Fehlschluss. Zu fordern ist daher umfassende und durchgängige sprachliche Bildung. Wer in der Lage ist, seine Sprache ohne Leitung eines anderen zu gebrauchen, darf sich nicht auf pseudowissenschaftlichen, essenzialistischen Normvorstellungen ausruhen, sondern muss bereit sein, seine sprachlichen Entscheidungen zu rechtfertigen ohne sich dabei zum Leiter anderer mündiger Sprecher:innen aufzuschwingen. Darum ist auch der überhebliche Sprachgestus der Sprachpflege innerhalb der Schule nicht gut, denn sprachliche Überwältigung ist ebenso unmoralisch wie politische, religiöse oder ethische.
Wie wäre es, sprachliche Veränderungen zu begrüßen als neue Formen, einer sich verändernden Welt zu begegnen? Ob solche Veränderungen funktional sind, darf und muss sachlich diskutiert werden.
Folgende Veränderungen können möglicherweise wertvolle Bausteine zu einer sprachlichen Aufklärung sein:
- Internationalismen: Sie ermöglichen den Ausdruck gedanklicher Nuancen, der sonst nicht möglich gewesen wäre. Wer „wallah“ sagt, meint etwas anderes als jemand, der „ich schwör“ oder „wirklich“ sagt. Diese Formen sprachlicher Entwicklung anzunehmen bedeutet, den Sprecher:innen und Schreiber:innen zuzugestehen, eine aufgeklärte Wahl zu treffen. Es ist eine Frage der Menschenwürde, diese Wahl nicht abzuwerten.
- Leichte Sprache: Sie ermöglicht Menschen einen Zugang zu Inhalten, die ihnen sonst aufgrund sprachlicher Barrieren nicht zugänglich gewesen wären. Sie bildet für Lernende eine Stufe ihrer sprachlichen Entwicklung ab. Wer den Kerngedanken von „Die Räuber“ verstanden hat, wird sich vielleicht irgendwann eher auf eine Lektüre des Dramas in seiner Originalsprache oder auf eine anspruchsvolle Inszenierung einzulassen. Für Menschen, denen ein Zugang zu komplexeren sprachlichen Strukturen grundsätzlich verwehrt ist aus Gründen, über die niemand ein Urteil zu fällen hat, ermöglicht Leichte Sprache gesellschaftliche Teilhabe. Leichte Sprache ist insofern eine Form, Verantwortung für die Folgen des eigenen Sprachgebrauchs zu übernehmen.
- Gendergerechte Sprache: Sie begleitet eine gesellschaftliche Entwicklung, die unbedingt zu begrüßen ist, nämlich die Auflösung evaluativer binärer Codierungen wie <männlich/weiblich>. Da die Sprache unser Denken prägt, müssen wir davon ausgehen, dass eine Veränderung gesellschaftlich wirksamer mindsets ohne eine Veränderung der Sprache nicht möglich ist. Ob diese Veränderungen dauerhaft sind oder ob allein der Diskurs um eine gendergerechte Sprache genügt, um das Denken zu befreien, muss sich erweisen. Insofern sind Initiativen zur Verwendung gendergerechter Sprache ebenso zu begrüßen wie eine strenge Normierung des Sprachgebrauchs durch irgendeine Stelle abzulehnen ist.
- Politische Korrektheit: Freiheit bedeutet auch, Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns zu übernehmen. Wenn sprachliches Handeln die Würde einer anderen Person verletzt, dann ist dieses Handeln eine Form der Gewalt und ebenso wenig akzeptabel wie andere Formen der Gewalt. Das gilt unabhängig von den Intentionen der sprachlich handelnden Person, vorausgesetzt, sie weiß, was sie tut. Eine Argumentation, die darauf verweist, dass bestimmte Formulierungen früher gebräuchlich waren, ändert nichts daran, dass inzwischen nicht mehr angemessene Bezeichnungen für Personen mit dunkler Hautfarbe, Sinti und Roma, homosexuelle Personen, Personen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen, Personen muslimischen Glaubens oder Menschen mit anderen körperlichen, geistigen oder anderen Merkmalen wie der sozialen oder geographischen Herkunft, dass diese Bezeichnungen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sind. Wer sich für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in seiner Sprache entscheidet, kann nicht glaubwürdig gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in anderen Bereichen des Lebens argumentieren.